Brigitte Lendl

Lendl: ‚Angst vor Fremden beruht auf Vorurteilen’

Brigitte Lendl ist die Initiatorin des erfolgreichen „projektXchange“, mit dem es gelungen ist, Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Eingliederung in die österreichische Gesellschaft zu erleichtern, ohne dabei ihre eigene Identität zu verlieren.

Lendl wurde für ihren unermüdlichen Einsatz für die Integration von MigrantInnen in unsere Gesellschaft mit dem Humanitätspreis der Heinrich-Treichtl-Stiftung des Roten Kreuzes ausgezeichnet. Mit ihrem Engagement und Eifer jedoch nicht genug: In ihrem neuen Buch „und dann kam alles anders.“ hat sie 39 Momente von unterschiedlichen MigrantInnen in Österreich auf Papier festgehalten, die ihr Leben nachhaltig veränderten. Wir sind von ihrem Enthusiasmus begeistert und haben Brigitte Lendl zum Gespräch gebeten.

Worauf ruht die Idee, das projektXchange zu gründen und inwieweit lassen sich Erfolge erkennen?

„Der Verein ‚Lernen aus der Zeitgeschichte’, bei dem ich ab 2007 arbeitete, organisierte das Projekt ‚A Letter To The Stars’. In diesem Projekt haben mehr als 50.000 SchülerInnen die Lebensgeschichten von Ermordeten und Überlebenden des Holocaust recherchiert, dokumentiert und Gedenkveranstaltungen begangen.

Durch diese Hunderten Begegnungen zwischen Jugendlichen und Überlebenden der Shoah und auch auf Anregung eben dieser Überlebenden, ist uns im Verein die Idee zu dem neuen Integrationsprojekt projektXchange entstanden.

Mit ihrer persönlichen Geschichte möchten unsere Integrationsbotschafter vermitteln, dass es möglich und wichtig ist, trotz aller Schwierigkeiten in der neuen, zunächst fremden Heimat seinen Weg zu gehen, sich zu integrieren und dabei seine eigene Identität zu behalten. Sie zeigen Chancen und Potenziale auf, motivieren und animieren SchülerInnen, sich Ziele zu stecken und diese mit Engagement zu verfolgen.

Nach jedem Schulbesuch bekommen wir ein tolles Feedback. Ich verstehe mich ein wenig als ‚molekulare’ Weltverbesserin. Wenn wir nur einen Jugendlichen erreichen, ist schon viel passiert.“

Wie haben die Schulen auf das Projekt reagiert?

„Die Schulen haben durchwegs positiv auf unser Projekt reagiert und wir konnten uns in den ersten Wochen schon über zahlreiche Anmeldungen freuen. In Folge konnten wir pro Projektjahr rund 150 Begegnungen organisieren. Das Projekt gibt es nun seit Februar 2009 und ist seit Jänner 2012 beim Österreichischen Roten Kreuz beheimatet.“

Worauf denken Sie, beruht diese Angst vor dem „Fremden“?

„Die Angst beruht auf Unsicherheiten und Vorurteilen. Durch das persönliche Kennenlernen des jeweils anderen, ‚Fremden’, des projektXchange Botschafters, werden diese Vorurteile, Ängste und Konflikte abgebaut und gegenseitiges Verständnis, Miteinander und Austausch gefördert.“

Wie sind Sie auf die TeilnehmerInnen aufmerksam geworden?

„Zunächst habe ich die sogenannten ‚Promis’ unter den Zuwanderern kontaktiert und gesucht, wie etwa Ivica Vastic. Mittlerweile melden sich so viele spannende Menschen mit migrantischen Wurzeln selbst bei uns, damit sie Teilnehmer von projektXchange werden können. Zurzeit haben wir ca. 260 Personen aus der ganzen Welt an Board.“

Wie kam die Idee zum Buch "und dann kam alles anders" und was ist das Besondere daran?  

„Bei einem Schulbesuch mit dem Bosnier Senad Hergic war ich von seiner persönlichen Geschichte der Flucht aus Sarajewo so berührt, dass ich gefunden habe, dass es schön wäre, wenn möglichst viele Menschen, solche entscheidenden Momente im Leben kennenlernen würden. Gemeinsam mit meiner Schwester Susanne Athanasiadis und unserem Freund Stefan Gormasz haben wir begonnen, 39 Momente von spannenden und interessanten Menschen zu sammeln und aufzuzeichnen. Und wir sind wirklich stolz und glücklich mit unserem Baby.“

Wie sind Ihre Zukunftsaussichten? Was sind die nächsten Projekte und vor allem Ziele?

„Da ich in Zukunft vor allem Projekte mit meiner Schwester realisieren möchte, werde ich projektXchange mit Ende Februar verlassen. Die Zusammenarbeit mit meiner Schwester für unser Buch war so gut, dass wir das mit diversen Tätigkeiten fortsetzten wollen. Außerdem werde ich weiterhin für die Zeitschrift ‚biber’ als Netzwerkerin tätig sein. Da ich glaube, dass projektXchange beim Roten Kreuz eine neue Heimat gefunden hat, kann ich mich neuen Aufgaben widmen.

Besonders am Herzen liegt es mir, junge Menschen mit spannenden und nachhaltig sinnvollen Projekten zu unterstützen, sei es mit Rat und Tat, oder praktischer Hilfe.“

Wie entspannt sich Brigitte Lendl privat?

„Eigentlich entspanne ich mich gerne bei der Arbeit, merke aber immer öfter, dass es manchmal zu viel wird. Am wirklich liebsten bin ich mit meiner Familie zusammen und wir reisen sehr gerne. Essen, trinken, Freunde treffen und lesen gehören zu meinen wichtigsten Freuden.“

Was ist Ihnen im Leben vor allem wichtig und was würden Sie auch unseren Leserinnen mitteilen?

„Ich glaube, das Wichtigste ist es,  im Leben niemals aufzugeben und Dinge, die man begonnen hat wirklich zu beenden. Wichtig ist mir Gerechtigkeit und Loyalität. Ich freue mich jeden Tag über das Glück, das mir im Leben beschieden wurde, weiß aber, dass es keine Selbstverständlichkeit ist und somit wird das Leben mit diesem Wissen noch viel schöner.“

Wir danken Ihnen vielmals für das interessante Gespräch und wünschen viel Erfolg bei der Realisierung Ihrer nächsten Ziele!

Brigitte Lendl im Interview, projektXChange, Integration von MigrantInnen in Österreich, Brigitte Lendl privat

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