Familie

„Familie ist der Ort, wo wir zu Menschen werden“

Wir befragten sunny7 Expertin und Psychologin Sandra Velásquez, wie Karriere mit Kindern vereinbar ist. Sie erklärte, was unseren Kindern fehlt und was sie brauchen.

Ihre Wurzeln hat sie in Nicaragua. Sandra Velásquez ist in einer großen Familie aufgewachsen und trägt alles, was in ihrer Kindheit gesagt und getan wurde, noch immer in sich. Ihr Großvater war dabei ihre innigste Bezugsperson. Er hat sich mit ihr hingesetzt und erzählt, an was er geglaubt hat. Er hat ihr zugehört und sich mit ihr auseinandergesetzt. „Er hat mich einfach als Menschen gesehen.“ Auch wir haben ihr aufmerksam zugehört.

Sunny7: Was bedeutet für Sie der Begriff Familie?
Sandra Velásquez: Familie ist der Ort, wo wir zu Menschen werden. Das heißt, wo wir beziehungsfähig – oder -unfähig – werden, zu uns selbst und zu anderen. Familie ist unser Ursprung, wo wir die größte Zugehörigkeit finden und wo unsere Identität entsteht.

Welche sind die häufigsten Probleme, mit denen sie in Ihrer Praxis zu tun haben?
Velásquez: Mann und Frau verlieben sich, heiraten. Dann bekommen sie Kinder und die Mann-Frau-Beziehung geht den Bach hinunter. Dann sagen die Frauen: Ich bin in erster Linie Mutter. Wenn ich sie frage: Und was ist mit der Ehe? Kommt die Antwort: Wir haben keine Zeit. Der Mann beklagt sich über zu wenig Anerkennung und hört nur, was er ständig falsch macht. Die Frauen vermissen Gefühle und die Nähe ihres Mannes. Das Problem ist, die Energieverteilung hat sich geändert. Es wird zu viel Zeit für die Kinder aufgewendet und auf die Ehe wird vergessen.

Heißt das, unsere Kinder bekommen zu viel Aufmerksamkeit?
Velásquez: Eltern sagen oft, meine Kinder sind mein Ein und Alles. Natürlich lieben wir unsere Kinder und wollen, dass sie glücklich werden. Aber das geht über Liebe hinaus. Das Ein und Alles von jemandem zu sein, ist furchtbar anstrengend für die Kinder. Sie sind sprichwörtlich an die Eltern gefesselt. Das Kind muss alles tragen. Das Resultat: Viele Kinder fühlen sich für ihre Eltern verantwortlich. Wenn es Mami einmal schlecht geht, können so Schuldgefühle entstehen. Das ganze Glück und Selbstbild kann nicht vom Kind abhängen.

Was fehlt den Kindern von heute und was bekommen sie zu viel?
Velásquez: Kindern wird in vielen Bereichen zu wenig zugetraut. Eltern räumen viel zu viele Steine aus dem Weg ihrer Kinder. Erfolgserlebnisse bleiben damit aus. Eltern geben viel zu schnell nach, wenn ihre Kinder Druck machen. Die Frustrationstoleranz der Kinder bleibt somit ungeübt. Kinder müssen mit gewissen Frustrationen fertig werden. Sie müssen lernen, dass es kein zweites Eis gibt. Sie müssen lernen, dass man warten muss, bis man dran ist. So lernen sie, mit Frustrationen umzugehen und viele Dinge zu schätzen. Kinder haben oft ein falsches Gefühl der Macht. Was Kinder überfordert und entfremdet. Das kommt daher, dass Eltern keine klaren Regeln und Grenzen setzen. Das sind Eltern, die dem Kind ständig sämtliche Entscheidungen überlassen. Was willst du heute anziehen? Was willst du jetzt essen? Was willst du machen? Kinder brauchen immer eine Alternative wie: Willst du Spinat oder Nudeln essen? Ich vermisse einfach zu wenig Führung bei den Eltern.

Was brauchen Kinder?
Velásquez: Kinder brauchen Menschen um sich, die mit ihnen in Kontakt treten und interagieren. Wenn wir uns bemühen, zu spüren, in welchem Entwicklungsstadium sich mein Kind befindet, werde ich es weder unter- noch überfordern.

Einige Psychologen sind der Meinung, dass unsere Kinder immer egoistischer werden. Sehen Sie das auch so?
Velásquez: Ich kann das nicht pauschal sagen. Ich habe hier Familien aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Was ich merke, ist, dass Kinder mit dem Angebot überfordert sind. Was sie dazu bringt, dass sie nur mit sich selbst beschäftigt sind. Sie haben so viel zu verdauen – Informationen, Dinge, die sie schaffen müssen. Der Alltag ist sehr komplex geworden. Diese Selbstbeschäftigung wird vielleicht als Egoismus gedeutet. Denken Sie doch nur an ihren Alltag und was sie alles verarbeiten müssen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Kinder?
Velásquez: Klar tauchen solche Begriffe wie ADHS, verhaltensauffällig oder aggressive Kinder auf. Aber was ich beobachte, ist, dass es immer mehr Kinder gibt, die sich nicht mehr spüren und andere nicht spüren. Das sind Kinder, die ständig unruhig sind und nicht lange unbeschäftigt sein können. Kinder, die alles vorgefertigt brauchen, um zu funktionieren. Kinder, die sich mit sich selbst nicht beschäftigen können. Ungeduldige Kinder. Weil niemand sich hinsetzt und sich mit ihnen auseinandersetzt – in Ruhe.

Wie schafft man es, dass einerseits das eigene Kind in der Leistungsgesellschaft besteht und andererseits nicht zu viel Druck auf das Kind ausgeübt wird?
Velásquez: Ein Kind schafft es in der Leistungsgesellschaft, wenn es genügend Selbstvertrauen entwickelt. Und das erlangt es erst, wenn wir uns Zeit für das Kind nehmen. Spazieren gehen, kochen, spielen – von klein auf. Es muss sich selbst erleben und spüren, dass es akzeptiert wird. Es lernt, wie viel Mühe etwas kostet. Selbstbewusstsein heißt, zu wissen, wer ich bin. Das Kind hilft zum Beispiel beim Backen. Es bekommt das Vertrauen, dass es die Hände in den Teig geben kann. Erfolgserlebnis, Bestätigung der eigenen Fertigkeiten, Stolz: Dann hat das Kind das Gefühl, es kann etwas.

Mann und Frau machen Karriere und haben Kinder. Kann das funktionieren?
Velásquez: Ich kenne Kinder, die sehr umtriebige Eltern und darum eine Nanny haben. Und die Nanny setzt die Akzente in der Erziehung. Wenn Eltern eine wundervolle Bezugsperson haben, die über eine längere Zeit bei dem Kind bleibt, super. Aber die Frage ist immer: Bekommt das Kind genau das, was es braucht, um sich zu entwickeln?

Was können berufstätige Eltern tun?
Velásquez: Wenn die Eltern arbeiten gehen, muss das Kind trotzdem ihre Präsenz spüren und sich geschützt fühlt. Es muss Zeit füreinander da sein. Gemeinsam kochen, gemeinsam zusammenräumen benötigt zwar mehr Zeit, aber so sind Kinder integriert und sie werden gefordert.

Wie schaffen es Eltern trotz Beruf, Stress und Kindererziehung eine glückliche Beziehung zu führen?
Velásquez: Man muss sich eine Gemeinschaft anlegen, von Freunden und Verwandten. Dann kann man die Kinder im guten Vertrauen bei ihnen lassen und Zeit miteinander verbringen. Zeit ist das Geschenk der Liebe. Verbringen wir keine Zeit miteinander, kann sich die Liebe nicht entfalten.

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