Hamsterrad

„Gut ist genug“

Die Beste, die Schönste, die Erfolgreichste – wir stellen oft viel zu hohe Ansprüche an uns selbst. Wie uns Perfektionsimus schadet, wie man dem Hamsterrad entkommt und es schafft, das Beste zu geben, ohne dabei die Beste sein zu wollen – Autorin und Coach Bettina Stackelberg im Interview.

„Gut reicht völlig“ das ist das Motto von Bettina Stackelberg. Als Coach unterstützt sie Menschen dabei, selbstbewusster zu werden, Neues zu entdecken und es mit Bewährtem zu verbinden. Den gleichen Namen hat auch Ihr neues Buch. Darin zeigt Sie Wege aus der Perfektionsfalle auf. Wir haben die Autorin gefragt, was es mit dem Perfektionismus auf sich hat, woher er kommt und was man dagegen unternehmen kann.

sunny7: Woher kommt Perfektionismus? Wird man damit geboren oder dazu erzogen?

Bettina Stackelberg: Angeboren ist das Ganze sicher nicht. Ich kann aber hineingeboren werden in eine sehr perfektionistische Familie. Wenn Kinder Anerkennung oder Liebe nur durch Leistung bekommen, wenn sie nur fehlerfreie, perfekt funktionierende Eltern erleben, wachsen sie hinein in die Perfektionsfalle. Eltern dürfen Ehrgeiz haben, sollten ihre Kinder auch fordern – jedoch nicht im krankmachenden, einengenden und angstmachenden Maße; die Dosierung macht's. Eltern können und sollen vorleben, was es heisst, ein Leben zu führen, wo Fehler mal sein dürfen, wo auch „gut“ mal reicht und nicht jedes Ziel unbedingt erreicht werden muss.

Wie kann man den Perfektionismus von Frauen und Männern unterscheiden? Neigen Frauen eher zu Perfektionismus als Männer?

Stackelberg: In meiner Coachingpraxis habe ich manchmal in der Tat das Gefühl, dass es eher ein Problem der Frauen ist. Frauen meinen sehr oft: „Es reicht noch nicht.“ Sie wollen es allen recht machen und alle ihre unterschiedlichen Rollen wirklich absolut perfekt ausfüllen: Karrierefrau, Mutter, Ehefrau, gute Freundin, ehrenamtliche Tätigkeit, Elternbeirat und so weiter.

Ab wann ist Perfektionismus schlecht und warum?

Stackelberg: Im Wort Perfektionismus steckt der negative Beigeschmack schon drin. Laut Wikipedia zum Beispiel ist Perfektionismus „das krankhaft übersteigerte Streben nach Perfektion, das zu inneren Belastungen führt.“ Perfektionismus ist also nie gut, sondern immer das Quäntchen zuviel.

Und wie erkennt man, dass es zu viel des Guten ist?

© StackelbergStackelberg: Ich erkenne es daran, dass es mir nicht mehr gut geht. So einfach und doch so schwierig, denn viele Menschen haben es leider verlernt, in gutem Kontakt mit sich zu sein, ihre Bedürfnisse zu sehen und für sie einzutreten. Es gibt viele Anzeichen von Überforderung: Wenn ich nicht mehr abschalten kann, meine beruflichen Belange mir ständig im Kopf herumspuken, wenn ich nicht mehr gut schlafe oder dünnhäutiger werde. Oder wenn ich merke, dass immer nur ich die Extraarbeit mache und die Überstunden, weil alle Kollegen diese auf meinem Tisch abladen. Und schließlich ist es auch ein Anzeichen wenn ich immer härter und anspruchsvoller auch anderen gegenüber werde. Das sollte ein schrilles Warnzeichen sein.

Wie schafft man die Gratwanderung zwischen gesundem Ehrgeiz und ungesundem Perfektionismus, gerade im beruflichen Umfeld?

Stackelberg: Es gibt sicher keine klare haarscharfe Grenze zwischen gesundem Ehrgeiz und Perfektionismus, vielmehr ist es ein fließendes Kontinuum. Mal ist mehr Ehrgeiz gefragt, mal reicht weniger. Wichtig für einen gesunden Umgang damit, ist vor allem, dass ich selbst die Grenze bestimme! Es gibt einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen „Ich muss der Beste sein!“ und „Ich gebe mein Bestes.“

Kann man Menschen mit übertriebenem Perfektionismus helfen zu erkennen, dass auch gut manchmal genug ist?

Stackelberg: Davon würde ich in der Regel die Finger lassen. Das geht ganz oft nach hinten los. Jeder muss selbst erkennen, dass ihm sein Perfektionismus nicht gut tut. Als Außenstehender kann ich nur eines tun: Ich kann ehrlich und wertschätzend sagen, was mir auffällt. Vielleicht fällt mir auf, dass das Gegenüber in letzter Zeit immer gereizter ist und schneller aus der Haut fährt. Oder dass jemand immer weniger Zeit für Familie und Freunde hat. Das kann oft wahre Wunder bewirken und ein Türöffner sein.

Aber Vorsicht: Wer nicht hinsehen will, der tut es nicht. Wenn ich also zu aufdringlich „helfen“ oder „bekehren“ will, handle ich mir unter Umständen nur Ablehnung und Rückzug ein. Dann hab ich den schwarzen Peter und niemandem ist geholfen.

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