Wolfgang Schuhmayer und Oskar.

Ein Königreich für ein ... Alpaca?

Als Schaf mit langen Beinen beschreibt Wolfgang Schuhmayer seine Alpacas, die er im Waldviertel zu therapeutischen Zwecken hält. Als erster Mediziner in Österreich beschäftigt er sich mit der Wirkung der Tiere auf den Menschen. Er sieht sie als „Spiegel der Seele“. Eine Reportage.

„Nicht angreifen“, sagt Wolfgang A. Schuhmayer ruhig, als ich enthusiastisch auf das weiße Alpaca zugehe. Sofort schreckt es zurück. „Am Kopf lassen Sie sich nicht gerne berühren“, weiß der Arzt. Vier kleine Alpacas schauen neugierig her, als wir das Gehege betreten, unaufgeregt, aber vorsichtig. Zwei davon stehen angehalftert zum Spaziergang bereit. Die Leine zweimal um die Hand gewickelt marschieren wir los, ganz ohne Vorbereitung. „Da kann man ruhig ein bisschen anziehen“, erklärt Schuhmayer, die Alpacas vertragen eine angemessen starke Führung. Sie sind kleiner als Lamas, spucken nicht und wirken auch sonst nicht gerade bedrohlich. Eher wie ein bisschen komisch gewachsene Schafe – mit zu langen Beinen.

Samson, ein dunkelbrauner Alpaca-Herr in seinen besten Jahren, fügt sich brav der Führung. Ein bisschen motzt er, nachdem wir das Gehege verlassen haben und außer Sichtweite geraten. Man merkt, dass er gar nicht so weit weg will von seinen anderen beiden Compañeros, die zurückbleiben. Trotzdem ist es auch für einen absoluten Neuling kein Problem, das flauschige Tier zu führen.

Spiegeltier

Kuscheltiere sind Samson, Asterix, Carlos und Herdenchef Oskar nicht. Einmal angeleint kann man sie ruhig neben sich her trotten lassen. Hin und wieder stampfen die Walachen auf. Die Stechmücken plagen sie, erklärt Tiertherapeut Schuhmayer. Will man sie jedoch wie einen Hund oder ein Pferd am Kopf streicheln, werden die zur Gattung der südamerikanischen Kamele zählenden Tiere nervös. Sie seien Fluchttiere, mögen nichts, was zu nahe an ihren Kopf kommt. Außerdem hat sich Mediziner Schuhmayer die Tiere ja nicht als Haustiere, sondern als Arbeitspartner angeschafft.

Therapie mit Tieren gibt es schon längere Zeit, für psychologische wie für physiologische Zwecke. Häufig werden dazu Pferde oder Hunde eingesetzt. Der Einsatz von Alpacas ist in Österreich noch Neuland. Bisher werden die Zwergkamele der Wolle wegen gezüchtet. Doch gerade für die Therapie eignen sich die sensiblen Tiere sehr gut, meint Schuhmayer: „Manchmal gehe ich mit einer Patientin einfach in das Gehege und beobachte, wie sie sich den Alpacas gegenüber verhält und vice-versa. Die Tiere zeigen deutlich, was mit dem Menschen los ist, sie funktionieren wie ein Spiegel.“

Eignung zum Therapietier

Während auch in Deutschland die Therapie mit Lamas schon seit einigen Jahren erforscht wird, hat man mit den kleineren Alpacas wenig Erfahrung. Das Wesen der beiden Tiere ähnelt einander jedoch. Alpacas gelten als zurückhaltend, gleichzeitig aber neugierig, sie sind sanft und freundlich, langsam und vorsichtig. Wie auch bei Lamas können Bewegungen und Körperhaltung gut beobachtet und analysiert werden. Patientinnen begegnen den Tieren sehr offen und wertfrei, da es kaum negative Erfahrungen mit ihnen gibt.Alpaca Carlos.

Konkret können mit den Alpacas allgemeine Störungen des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeits-Defizit-(mit oder ohne Hyperaktivität)Syndrome, Posttraumatische Belastungsstörungen, mildere Formen des Autismus und der Depression oder Burnout behandelt werden. Auch auf Menschen mit Down-Syndrom sollen die Tiere einen guten Einfluss haben. Schuhmayer glaubt, dass Menschen mit vielen Formen der psychischen oder physischen Erkrankung oder Behinderung vom Umgang mit den sanften Tieren profitieren können. Das Problem daran – im therapeutischen Umgang mit Alpacas gibt es keine relevanten wissenschaftlichen Publikationen. Da will der Arzt Pionierarbeit leisten.

Tierischer Umgang

Menschen werden von ihrem Umfeld anders behandelt, wenn sie sichtbare Probleme, wie etwa ein Down-Syndrom haben. Auch wenn man das gar nicht will, man kann kaum anders. Ein Tier geht gleichgültig an die Sache heran. Es reagiert auf jeden Menschen mit derselben Grundhaltung.

Zur tiergestützten Therapie werden in Österreich PsychotherapeutInnen, PsychologInnen mit Therapieschein und MedizinerInnen zugelassen. Um „Tiergestützte Aktivitäten“, durchführen zu können, dürfen sich auch qualifizierte PädagogInnen, BiologInnen oder SozialarbeiterInnen bewerben. Die Ausbildung wird als Universitätslehrgang an der Veterinärmedizinische Universität bzw. als Kurs am Wifi angeboten. Wichtig ist der Praxisbezug, betont Alpaca-Halter Schuhmayer.

Über die Anden nach Europa

Alpacas in Großmotten.Oskar, Samson, Asterix und Carlos sind zwar in Österreich geboren, ihre Vorfahren stammen aber aus Südamerika. In den Anden werden die Tiere schon seit Jahrtausenden ihrer Wolle wegen gehalten. Die Tiere haben meist zwischen 55 und 65 kg Körpergewicht, ausgewachsene Zuchtbullen bringen manchmal über 70 kg auf die Waage. Farblich bilden die Alpacas ein breites Spektrum ab – während Carlos und Oskar im schafsähnlichen Weiß glänzen, ist das Fell von Asterix ockerbraun wie Tonerde. Samson hingegen ist dunkelbraun. Bemerkenswert ist der Herdeninstinkt. Obwohl sie nur zu viert sind, machen sie quasi alles gemeinsam. Geht ein Tier zum Wassertrog, folgen die anderen und trinken ebenfalls. Auch beim Wasserlassen und Koten sind sich die Tiere zeitlich einig. Oskar, das Leitalpaca oder Samson, der anscheinend gerne Chef wäre, sind dabei immer Tonangebend. Carlos ist zwar neugierig, aber noch ein wenig unerfahren. Asterix hingegen ist ein wenig der Outlaw der Gruppe.

An den Hof im Waldviertel sind die Tiere erst Anfang Juli gekommen. Es hat ein paar Tage gedauert, bis sie sich eingewöhnt haben. Doch Oskar weiß bereits seinen Therapiepartner Wolfgang Schuhmayer sanft zu liebkosen. „Man nennt das Alpacabusserl. Das macht er gerade zum ersten Mal“, sagt der Arzt begeistert. Oskar rückt mit seinem Kopf ganz nahe an den seines menschlichen Gefährten. Zwischenzeitlich legt er ihn sogar auf dessen Schulter. Ganz vorsichtig und ruhig ist das Tier dabei. Auch Samson nähert sich mir immer mehr. Nach knapp einer Stunde Beschäftigung mit dem Tier lässt es sich sogar den Hals streicheln.

„Es geht um die Beziehung des Menschen zu dem Tier. Heute werden sie gezüchtet wie die Rinder, richtig mit Auswahlverfahren – nur, um die beste Wolle herzustellen. Dabei hat man herausgefunden, dass die Alpacawolle der Inka sogar von besserer Qualität war.“ Damals seien die Alpacas gut behandelt worden, wie gleichberechtigte Wesen. Das ist auch für die Therapie unerlässlich, glaubt Wolfgang Schuhmayer, und bedankt sich bei den Tieren mit einem Kübel Leckerlis für ihr Verhalten beim Spaziergang.

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